Heinz Brinkmann – Regisseur

Rubrik: Lebensgeschichten





2003: Hinter den Bergen



Hinter dem Berg – vor dem Berg. Vor der Mauer – hinter der Mauer.
Heinersdorf im Thüringer Wald an der Grenze zum Fränkischen war schon immer ein Grenzort. Die Glaubensgrenze vom Katholischen zum Protestantischen verlief ebenso am Ortsrand, wie nach dem 2. Weltkrieg der Wall zwischen zwei Machtblöcken. Zu DDR-Zeiten lag der Ort im Sperrgebiet und war von allen Seiten von Sperranlagen „begrenzt“. Dieses Inseldasein hat die Heinersdorfer bis auf den heutigen Tag geprägt. Ihre Lebensgeschichten erzählen davon, dass Heinersdorf mitten in Deutschland und mitten in den Zeitläufen deutscher Geschichte gestanden hat:
Der Unternehmer Heinz Carl, der sich nach 1945 über den elterlichen Steinbruch in Heinersdorf versorgte und in München studierte, dann in Bayern ein erfolgreicher Bauunternehmer wurde und vom Schicksal geschlagen mit seiner Frau in seinem Dorf wieder Frieden und Heimat fand.
Sein Schulfreund Lothar Barnikol-Veit flüchtete 1952, als die „Aktion Ungeziefer“ die Grenzorte entvölkerte ins Bayerische Nachbardorf. Nur wenige 100 Meter auf der westlichen Grenzseite bestellte er dann seinen Acker und winkte seiner Mutter im heimischen Garten aus der Ferne zu. Regina und Erhard Barnikol-Veit sind in ihrem alten Sägewerk geblieben und haben dort die DDR überdauert.
In den Lebensgeschichten der Heinersdorfer spiegelt sich ein authentisches, unsentimentales Heimatgefühl wieder. Erika Eckhardt erinnert sich ihres Vaters und daran, wie sie ihren Mann kennenlernte. Hans Degel ist schon über ein halbes Jahrhundert Mitglied des Blasorchesters und auch Andreas Krempel erzählt von den Besonderheiten des traditionsreichen Musikvereins. Schließlich haben sie in Heinersdorf damals die Grenze „aufgeblasen“, denn „Musik kennt keine Grenzen“.



Heinz Brinkmann:



Als ostdeutscher Regisseur war Heimat ein zwiespältiges Wort, ein rätselhafter Begriff. Die Führung des untergegangenen Staates hat ihn gern auf "Heimatland DDR" reduziert.
Für mich verband sich damit eher ein Ort der Kindheit und Jugend: Die Insel Usedom. Das Leben am Meer, die vorpommersche Mentalität, Bodenständigkeit, Fernweh und Heimweh zugleich.
Das Gebirge, die Berge, die Menschen, die dort leben, waren so anders in meiner Anschauung, dass ich in meiner naiven Vorstellung in dieser Landschaft oftmals ein anderes Land vermutete. Deutschland ist mit seinen Regionen sehr vielfältig: In seiner Kultur, den Temperamenten, den Dialekten, den Traditionen und den sozialen Gefühlen seiner Menschen. Sehr viel später begriff ich, dass man auch eine zweite Heimat haben kann oder mehrere deutsche Auswanderer, auch die sogenannten Umsiedler und Einwanderer sprechen davon.
Im fernen Chile traf ich auf einer filmischen Reise ("Die Stute auf dem Grasdach") u.a. die Nachfahren eines alten deutschen Adlelsgeschlechts. Ein Sohn von ihnen, obwohl in Chile geboren und aufgewachsen, zog es zurück nach Deutschland. Er ist zu einem Pendler zwischen den Welten geworden, gilt bei manchen als Exot und ist nun als erfolgreicher Landwirt in der Heimat seiner Vorfahren recht bodenständig geworden. In weiter Ferne und doch so nah.
Und nun in
Heinersdorf. Hinter den Bergen. Hier, wo die Einwohner schon immer auf die Unterschiedlichkeit in ihren Dörfern beharrten, was auch die verschiedenen Dialekte und Religionszugehörigkeiten beweisen. Ein lange Jahre total abgeschirmter Ort, in dem nur der kleine Grenzverkehr in das eigene Land die einzige Beziehung zur Außenwelt blieb.
Heimat als verborgener und verbotener Ort. Grenzer wurden zu Einwanderern und Vertriebene zu Heimatlosen. Seine Bewohner erzählen: Viele von ihnen haben den Ort von innen her bewacht, einige waren von auswärts in Gedanken immer anwesend, andere wohnten nach Vertreibung direkt an der Grenze und manche haben zwischen Leben und Tod einfach nur gelebt, mit selbst inszenierten Festen, ihrer Musik und Arbeit. Und einer kehrte heim als es möglich wurde, anscheinend gescheitert und nun doch glücklich. An den Ort seiner Kindheit und Jugend.
Heimat hier tatsächlich als ein rätselhafter Ort.




1998: Die Stute auf dem Grasdach.





In einer persönlichen Erfahrung mit dem Filmemacher offenbaren drei Männer ihre Lebensvisionen am Ende des Jahrhunderts:
Thomas Brons ist gebürtiger Nürnberger, ein Alt-68er, der als Lehrer an einer chilenischen Universität arbeitet. 1973 wurde er von der chilenischen Geheimpolizei gefoltert und des Landes verwiesen. 1990 kehrte er zurück und lebt jetzt in Valparaiso.
Der Architekt Peter Hartmann lebt in Patagonien und hat sein Leben dem Umweltschutz verschrieben. Er ist Chilene deutscher Abstammung.
Thomas von Storch ist als Nachfahre eines alten Mecklenburger Adelsgeschlechtes in Chile aufgewachen. Er kehrt 1990 mit seiner chilenischen Frau nach Mecklenburg zurück und baut einen landwirtschaftlichen Betrieb auf.
Die drei haben jeder etwas von Cervantes "Don Quichote" und leben doch ein einzigartiges Leben mit nachvollziehbaren Visionen am Ausgang unseres Jahrhunderts. Einem Roadmovie ähnlich, erzählt der Film aber auch von anderen Deutschen und übermittelt ein Bild von der jetzigen chilenischen Wirklichkeit, der Landschaft und den Städten, berichtet Kurioses der deutschen Mentalität, ein Kapitel der deutschen Einwanderungsgeschichte und offenbart letztlich auch die Befindlichkeit der Filmemacher, für die es auch eine Reise zu sich selbst wurde.




1994: Irrgarten





Kritiken



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Handelt der erste Film noch davon, wie die DDR-Außenseiter zurchtkommen und das Neue erleben, so ist der zweite Film vor allem dem Überdauern ihrer langen Freundschaft gewidmet. Alfred, Micha und Dieter haben bei aller Verschiedenheit eines gemeinsam: Sie wissen um die Verletzlichkeit des Mitmenschen und verhalten sich danach.
Kameramann Michael Lösche fing liebevolle Bilder der Freunde ein.
" (Mitteldeutsche Zeitung, Halle)

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Der Film bezeugt ein besonderes Identitätsgefühl, wie es sich so wohl nur zwischen Oder und Elbe herausbilden konnte. Osteuropa, das vierzig Jahre lang einzig zugängliche Ausland, sitzt hier wie selbstverständlich mit an vielen Tischen; und zuweilen hat es immer noch den magischen Blick einer Sphinx."
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

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Die Lust der Kamera an schönen Bildern und die Stilisierungen der Inszenierung verraten den Willen zum großen Kino." (Neue Züricher Zeitung)

Links


Filmportal.de:
https://www.filmportal.de/film/der-irrgarten




1992: Moment musical 92



Der Dokumentarfilm berichtet in drei ineinanderfließenden Themen über den Abriss der Rohbauruine des Neuen Theaters auf dem Alten Markt von Potsdam, der Sprengung der Garnison-Kirchenruine im Jahre 1968 und vom Geiger Fritz Zippert der in einem Potsdamer Laienorchester spielte. Verbindend werden O-Töne von Walter Ulbricht und Konrad Neumann vom 11. Plenum der SED aus dem Jahre 1965, und vorgetragene Zitate durch einen Schauspieler aus Schillers "Wallenstein" und aus Büchners "Fatalismusbrief" sowie Erzählungen von Fritz Zippert aus dem Jahre 1972 unterlegt. In den Rohbau des Neuen Theaters waren schon über 17 Millionen Mark geflossen, hier sollte ein Ersatz für das Alte Schauspielhaus geschaffen werden, aber dieses Kapitel der Potsdamer Baugeschichte endete nach dem Mauerfall und verhängtem Baustopp im Herbst 1991 durch die Abrissbirne. Bei einem gespielten Dialog zwischen "Germania" und "Adolf Hitler" in der Theaterruine reißt Hitler sein Herz aus Ziegelstein aus der Brust und wirft es zu Boden wobei es explodiert, in einer Überblendung fällt die gesprengte Garnisonskirche in Zeitlupenaufnahmen in sich zusammen.



Links:


http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/17-Millionen-Mark-in-den-Sand-gesetzt
http://wissen.garnisonkirche.de/online-ausstellung/sprengung/





1992: Das vorläufige Leben des Grafen Kiedorf



Ob der Anspruch von Manfred Kiedorf auf den Adelstitel gerechtfertigt war oder nicht spielte niemals eine Rolle. Für die Kaffeehaus-Gänger Ostberlins war er der Graf. Zwischen unstillbarer Liebessehnsucht und Angst vor einem mittelmäßigen Leben feierte er die Lust am Alltag. Im selbstzerstörerischen Kampf gegen die Endgültigkeit unseres Daseins.
Originalton Kiedorf:
Ich war von einer unglaublichen Arroganz. Das musste irgendwelche tieferen Ursachen haben. Ich habe vielleicht früher auf einem anderen Stern gelebt und habe wohl deshalb alles, was an Wohlgefallen und Wohltaten auf mich zukam, für ganz normal gehalten. Die ganze Welt war für mich da.

Ich spüre die Welt in mir auf seltsame Weise
das Gehen so laut
das Kommen so dunkelleise
was ist ein Tag gemessen an Jahren
das Wort VORBEI gilt es zu erfahren
VORBEI ist das Nichts
in dem wir waren

Schlösser baut man aus Sehnsucht. Man singt aus Sehnsucht. Ja, man liebt sogar aus Sehnsucht. Alles ein Versuch.

Der Film beschreibt einige Tage im Leben des Manfred Kiedorf – einem der letzten Bohemiens von Berlin am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine Mischung aus Selbstinszenierung und authentischen Episoden. Atmosphärische Bilder in einer impressiven Studie. Themen sind die Kunst, die Frauen, das Geld, die Musik, die Poesie und immer wieder die Liebe.



Links /

Kritik


Die große Sprecharie: Manfred Kiedorf „Das vorläufige Leben des Grafen Kiedorf“ – von Jamal Tuschick (Freitag) | 16.01.2015

„Schlösser baut man aus Sehnsucht...“
Manfred Kiedorf, extrovertierter Bohemien und Baumeister in Berlin, mit 58 der jüngste in einer Trilogie, lebt in einer „rückwärtsgewandten Utopie“. Der Knastpoet und Mozartfan hat sich (aus Holz, Pappe, Stoff, Farbe, Blech und Silberfolie) eine reale Phantasiewelt geschaffen, ein Königreich en miniature mit Residenz und Jagdschloß, darin Spiegelsaal und Boudoir, Ölgemälde und kompletter Hofstaat.
Schwankend zwischen Identifizierung und ironischer Distanz („Ich bin natürlich der König“), hat sich Kiedorf sein Leben zurechtgebastelt. Ein gelernter Architekt und Schöngeist, der den Normen der „dilettantischen Plattenbaumeister“ die barocke Baukunst des Feudalismus vorzieht. Für Kiedorf, der u.a. als Gebrauchswerber für die HO „kilometerlange“ Transparente malen mußte, ist die Vorliebe für schöne Dinge („Schlösser baut man aus Sehnsucht“) zur Lebensaufgabe geworden.
(
taz. vom 7. 11. 1992 von Andreas Nowak)




1992: Das Feld brennt



Alfred Behrend, 78 lebt am Rande einer Müllkippe im Brandenburgischen. Landarbeiter, KZ-Häftling, Einsiedler. Der Glaube an die Natur, der Zweifel an Gott, der Hass auf die Politik und die erste Liebe. Kreisläufe oder Weisheit eines Lebens. Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen... .
Wir sind Alfred Behrend bei den Vorbereitungen zu einem anderen Film begegnet. Wir waren auf der Suche nach einem Motiv und sahen ein brennendes Feld. Alfred Behrend hatte nichts dagegen, dass wir während unseres allerwersten Gesprächs den Recorder mitlaufen ließen. Und er buchstabierte seinen Namen: B – wie bescheiden, E – wie ehrlich, H – wie heiter, R - wie rechtschaffen. E – wie nochmal ehrlich, N – wie Nationalität, D – wie Deutsch.



Kritik


taz.am Wochenende vom 7. 11. 1992 | von Andreas Nowak

...Ein Mann steht in seinem Garten vor einem kleinen, schäbigen Haus, brennt herbstliches Gras und Gestrüpp ab, verschafft sich Zugang in einen verwilderten Obstgarten mit Apfelbäumen. Behutsam nähert sich die Kamera, langsam entsteht ein Dialog, erfährt der Zuschauer bruchstückhaft Biographisches: Alfred Behrend, geboren vor 78 Jahren, vier Jahre zur Schule gegangen, Landarbeiter geworden, dann KZ-Häftling, lebt als Einsiedler bei Ketzin im Havelland. „Der Glaube an die Natur, der Zweifel an Gott, der Haß auf die Politik“ – entlang dieser Stichwörter entfaltet Behrend seine Lebensphilosophie.




1990: komm in den Garten






Die Geschichte dreier Freunde in Berlin-Prenzlauer Berg zur Wende. Dieter, der Maler, verbrachte wegen "Arbeitsscheu" zehn Jahre in Gefängnissen. Alfred, inzwischen zum stellvertretenden Chefredakteur avanciert, geriet durch die Zwickmühle von Aufbegehren und Alkoholismus in Gefängnisse und Psychiatrien. Michael, der in Moskau Außenwirtschaft studiert hatte, wurde aus der Akademie gefeuert und lebt heute vom Lampenbasteln. 40 Jahre DDR-Geschichte im Spiegel dreier Einzelschicksale. Der Film deckt ihre Lebensgeschichten auf und eröffnet dem Zuschauer, wie in der DDR aus etablierten Intellektuellen verarmte Lebenskünstler werden konnten. Ausgegrenzt im System der DDR zeigt das Portrait der drei Unangepassten auch das Scheitern des Sozialismus in der DDR.



Kritiken


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In dieser Tragikomödie wird das Scheitern einzelner und einer ganzen Gesellschaft gezeigt, aber trotzdem humorvoll behandelt. Die Komik, die der Sache selbst innewohnt, wird belassen, und von den Hauptdarstellern und durch die Montage herausgearbeitet." ( Attila Wiedemann, taz, 21. Dezember 1990)

Der Film, der radikal wie kaum ein anderer ein neues Bild der alten DDR zeigt… „komm in den Garten“ ist eine Art Wiedergutmachung an einem kleinen aber wichtigen Teil der DDR-Gesellschaft, der für die alte Staatsdoktrin nicht zählte.“ (Süddeutsche Zeitung, 1990 )


"Kollege Alfred
In einem kalten kleinen Kino sehe ich den Schicksalen dreier Männer zu, höre ihre betrunkenen Reden. Ein Dokumentarfilm, seltene Gelegenheit. Nur Liebhaber bezahlen Eintrittsgeld für etwas, das sie meinen, auch umsonst kriegen zu können: Das wirkliche Leben. „Komm in den Garten“ – ein Stück bizarren Daseins zwischen allen Stühlen. Gescheiterte Existenzen, die nicht aufhören können zu scheitern, weil es für sie das Leben ist. Da fallen Grenztürme, Mauern, Regierungen, und die drei leben weiter, wo sie schon lange sind, am Rand. Micha, Alfred und Dieter – Freundschaft gegen Verzweiflung. Manchmal schmort Dieter Rouladen, Alfred schält die Kartoffeln dazu. Alfreds Traurigkeit hat etwas Anstößiges. Wenn er trinkt, weint er, und weil er oft trinkt, weint er oft. Der dreieckige Kopf mit dem akkuraten Scheitel schwankt ratlos zwischen schmalen Schultern. Die blaue Schlaghose und das karierte Hemd mit dem großen Kragen stammen aus den siebziger Jahren, alles ordentlich.
„Fass mich nicht an“, schreit Gisela, die er beim Straßenfegen am Bahnhof Friedrichstraße kennengelernt hat. Alfred möchte sie streicheln, weil sie ihm leid tut. Sie hasst ihn dafür.
Plötzlich fällt in diesem Film ein ganz und gar befremdliches Wort: Wochenpost. Alfred ist Redakteur der Wochenpost gewesen. Ein junger Journalist mit Igelfrisur und Flanellanzug, der Dienstreisen ins Ausland machen und Otto Grotewohl interviewen durfte. Das ist lange her, der Absturz blieb unbemerkt. Irgendwann hatte Alfred was falsch gemacht. Er veröffentlichte einen nicht abgesegneten Parteibeschluss zur Rentenerhöhung so früh, dass er wegen Tausender begeisterter Leserbriefe nicht mehr rückgängig zu machen war. Parteiausschluss, Kündigung. Eine dunkle Seite in der Geschichte dieser Zeitung, in die ich kam, als Alfred und die DDR untergegangen waren. Der unbekannte Kollege bekam keine Arbeit mehr. Über fünfzig Mal hat er sich beworben. Alfreds Kaderakte war sein Verderben. Was drin stand, durfte ihm keiner sagen. Angeklagt wegen Arbeitsscheu, wurde er in eine psychiatrische Anstalt verbracht. Ein Jahr lang lebte er zwischen Verrückten, zwei von ihnen schlugen einander tot.
Einmal starrt Alfred auf Fotos von ausrangierten Trabanten: „Die Geschichte des Trabis ist auch meine Geschichte“, und Tränen fallen von seinem schwankenden Kopf auf halbgeschälte Kartoffeln runter." (
Jutta Voigt, Wochenpost, Nr. 43 | 15. Oktober 1992)


Links


Berlin-Film-Katalog.de:
http://www.berlin-film-katalog.de/mediapool/129/1294529/data/Berlin-Film-Katalog_Flyer_Komm_in_den_Garten.pdf
Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Komm_in_den_Garten
DEFA-Stiftung:
http://www.defa-stiftung.de/DesktopDefault.aspx?TabID=412&FilmID=Q6UJ9A004QL8





1988/89: Selliner Fotograf



Seit siebzig Jahren kann man Hans Knospe, den 89-jährigen Mann, mit seinem Fotoapparat auf der Kurpromenade oder am Strand sehen, oft steht er bis zu den Knien im Wasser, um seinen Objekten näher zu sein. Hans Knospe ist ein Besessener, nicht selten ist er sogar in seinen Träumen am Strand und fotografiert. Schon den Kurbetrieb in den zwanziger Jahren hat er festgehalten, Hochzeiten, Taufen und Massenausfüge, die Urlauber vom FDGB und sogar Walter Ulbrichts Besuche. Und als klammheimlich die Seebrücke abgerissen wurde, stand er jeden Tag mit seinem Apparat am Strand.







1987: Kerschowski – Ansichten eines Rocksängers



Progress-Filmverleih: "Seit März 1985 gibt es die Berliner Rockgruppe "Kerschowski". Sie hatte einen ungewöhnlichen schnellen Erfolg. In einem Porträt wird der Komponist, Sänger und Texter Lutz Kerschowski vorgestellt. Er wird während eines Konzertes, sowie bei Proben beobachtet und interviewt. Vor allem aber äußert er sich selber über seine Kindheit und Jugend, seine Bemühungen um eine eigene Rockgruppe. Er erlernte den Beruf eines Autoschlossers, studierte Musik und war lange auf der Suche nach eigenen Liedern. Ein Teil der Erfahrungen, die er dabei sammelte, sind in einem anrührenden Liebeslied, das für den Film eine Klammer bildet, aufgehoben. Er probt mit seiner Gruppe in Blankenfelde, wo er auch seine Kindheit verbrachte."






1987: DEFA-Kinobox 57/87 – Ostseebox



ln dieser, dem filmischen Experiment verpflichteten Ausgabe, sind die Sujets einem Oberthema zugeordnet. Land und Leute an der Ostsee werden in beschaulichen, metaphorischen und surrealen Bildern dargestellt. Vermutlich zu skurril, denn diese Ausgabe wurde kaum gezeigt. Ein Strandfotograf, eine Kellnerin, Feeling B, der Kindertraum von der untergegangenen Stadt Vineta und der Fährhafen Mukran im kalten Winter des Jahres '87. Das Meer und die Sehnsucht nach Freiheit und ursprünglicher Natur








1984: Von der Kraft des Liedes: Entscheidungen im Leben des Komponisten Eberhard Schmidt



Seine Massenlieder kannte man in der DDR seit der frühen Schulzeit, aber nur wenige haben mit dem Namen Eberhard Schmidt mehr als Schlagworte verbunden. In dem Film geht es um einen Mann, der seine politischen Haltungen zum Ausgangspunkt seines musikalischen Engagements machte. Im O-Ton berichtet Eberhard Schmidt über die Lebensstationen Kindheit, Exil, Spanienkrieg, KZ in Frankreich und Hitler-Deutschland, der Neubeginn im Schaffen, die Reife ... Thematischer Schwerpunkt: Widersprüche zwischen Kunst und Politik im Leben des Eberhard Schmidt, Widersprüche, nicht frei von Tragik, individuell bewältigt im dem Gefühl, stets das Richtige getan zu haben.

Biographische Datenbank der Bundesstiftung Aufarbeitung | Eintrag Eberhard Schmidt



Kritik


Ein Komponistenleben mit Vorbildwirkung: Zum Fernsehporträt über Eberhard Schmidt
Dokumentaristen der DEFA schauten in einem für das Fernsehen geschaffenen Filmporträt einem Kommunisten und Künstler näher ins Gesicht, der seine Person stets hat zurücktreten lassen hinter die Sache, der er dient, ja auch hinter seine Werke. So manch eines davon ist für uns längst zum selbstverständlichen Besitzgut geworden. Den Massenliedern des Komponisten Eberhard Schmidt begegnet die junge Generation schon vom Kindergartenalter an: „Ich trage eine Fahne, und diese Fahne ist rot ...“. Sein „Thälmannlied“ hat bis heute nichts von dem zuversichtlichen Schwung verloren, mit dem es seinerzeit die sozialistischen Aufbaujahre begleitete. Manches Element seiner Filmmusiken ließ sich nicht einfach in Babelsberger Archiven ablegen, ist lebendig geblieben wie zum Beispiel das „Eisenbahnerlied“.
Woraus führt die Kraft dieser Tonschöpfungen, welcher Mensch steht hinter ihnen? Auskünfte darüber suchten Heinz Brinkmann als Mitautor des Buches und Regisseur sowie Andreas Köfer an der Kamera in einem Gespräch mit dem heute 77jährigen Künstler. Es war ein packender und auch anrührender Lebensbericht, der uns da in einer knappen Stunde gegeben wurde – gestützt und bereichert durch historisch wertvolle Foto-, Film-, Handzeichnungs-, Zeitungs- und Schriftdokumente, nicht zuletzt auch durch die wirkungsvoll eingesetzte Musik.
Man sah sich eingeladen zu einer Besichtigung unseres Jahrhunderts aus ungewöhnlichem Blickwinkel: Der aus dem Oberschlesischen stammende Pfarrerssohn Eberhard Schmidt bricht mit dem Elternhaus, entzündet sich an den sozialen Nöten und Interessen der Berg- und Landarbeiter, findet im Berlin der 20er Jahre zur proletarischen Bewegung, kreuzt die Wege bedeutender Künstlerpersönlichkeiten wie Eisler, Busch, Marchwitza und KuBa, wird Kommunist. Er bewährt sich kämpfend und komponierend auf den gefahrvollen Wegen der Emigration aus Nazideutschland, als Interbrigadist an den Fronten des spanischen Bürgerkrieges, als ermutigender Kamerad und Sänger in französischen Internierungs- und Straflagern, in der Hölle des KZ Sachsenhausen und auf dem Todesmarsch bis zur Stunde der Befreiung. Von den ersten Wochen unseres Neubeginns an ist Eberhard Schmidt ein aktiver Mitgestalter demokratischer und sozialistischer Kulturentwicklung.
Dieses Filmportrait gewann unser Interesse nicht allein ob seines gewichtigen Gehalts an zeitgeschichtlicher Information. Sein besonderer Wert lag darin, dass auf bewegende Weise Motivationen und Grundhaltungen kämpferischen Künstlertums ergründet wurden. Beeindruckend, mit welchem politischen und sozialen Scharfblick der Komponist jeweils die Erfordernisse der Zeit an die Kunst, die Erwartungen seiner Genossen an ihn erfasste, wie leidenschaftlich und trefflich genau er in seinen Arbeiten darauf reagierte. Ein Spürsinn, der in Situationen entwickelt wurde, da es oft auf Leben oder Tod ging. Mit der ihm eigenen kargen Beiläufigkeit mitgeteilt, hörten wir ergreifende Episoden über die moralisch aufrichtende und beflügelnde Kraft des politischen Liedes.
Von solchen revolutionären Tugenden können für unseren heutigen Alltag, vor allem auch für die Jugend und ihre künstlerischen Talente, überzeugende Vorbildwirkungen ausgehen. Dies um so mehr, als sich die Filmemacher stilistisch einer wohltuend schlichten Diktion bedienten – mit sparsamen Kommentaren und einer nüchtern verhalten berichtenden Kamera. Dies war dem Wesen des Portraits gemäß: Eberhard Schmidt bedarf nicht der Pose, um seine Position kenntlich zu machen. (
Dr. Volker Müller , Neues Deutschland, 09.11.1984, Rubrik Kultur )




1973: Moment musical 73



Ein Laienorchester in Potsdam. Die Streicher: Männer. Schlagzeug und Flöte: Zwei Frauen. Was in ihrem Leben Beruf war, liegt zurück. Nun als Rentner folgen sie ihrer Berufung – der Musik: „moment musical“ von Franz Schubert ...